Weltmärkte für Getreide in 2018/19: kleinere Ernten, größere Nachfrage, sinkende Bestände = höhere Preise?

06.06.2018 Dr. Klaus-Dieter Schumacher – AgriConsult, Seevetal

Mitte Mai hat das Landwirtschaftsministerium der USA (USDA) wie in jedem Jahr seine erste Schätzung für die weltweite Angebots- und Nachfragesituation für Getreide und Ölsaaten im Wirtschaftsjahr 2018/19 veröffentlicht. Diese Zahlen haben bestätigt, was sich im April andeutete: In vielen wichtigen Anbauregionen sind die Wetter- und Wachstumsbedingungen schlechter als in den beiden Vorjahren, so dass die Ernten hinter dem Verbrauch zurückbleiben werden und sich die Preiskonsolidierung fortsetzen sollte.

  • Die internationalen Getreidemärkte werden 2018/19 laut USDA vor allem von der weiter wachsenden Nachfrage geprägt sein. Auch wenn die Weltgetreideproduktion mit fast 2,1 Mrd. t das zweitbeste Ergebnis nach 2016/17 erreichen soll, bleibt die Erzeugung damit deutlich unter dem erwarteten Rekordverbrauch von 2,13 Mrd. t.
  • Entsprechend kommt es 2018/19 wie schon im Vorjahr zu einem Abbau der Lagerbestände in Höhe von 40-45 Mio. t auf ca. 450 Mio. t, der niedrigste Wert in den letzten fünf Jahren. Die Relation der Bestände zum Verbrauch fällt entsprechend von 23,5 % auf rund 21 % und nähert sich damit wieder dem längerfristigen Durchschnitt an.
  • Der Bestandsabbau fällt noch deutlicher aus, wenn China nicht berücksichtigt wird. Aufgrund guter eigener Ernten wird es dort nur zu einem moderaten Abbau der Bestände kommen. Entsprechend größer fällt die Verringerung im Rest der Welt aus: Mit Beständen von ca. 250 Mio. t wird das niedrigste Niveau seit 2012/13 erwartet.
  • Der Welthandel mit Getreide wird 2018/19 seine „Rekordjagd“ fortsetzen und voraussichtlich erstmals die Marke von 380 Mio. t übersteigen. Hiervon dürften ca. 190 Mio. t auf Weizen, rund 160 Mio. t auf Mais und knapp 40 Mio. t auf anderes Getreide (vor allem Gerste) entfallen.
  • Der Weltweizenmarkt erscheint auf den ersten Blick auch 2018/19 der am besten versorgte Markt zu sein. Mit ca. 750 Mio. t dürfte die Welternte das bisher drittbeste Ergebnis erreichen. Der Verbrauch wird allerdings leicht darüber liegen, so dass es zu einem moderaten Abbau der Lagerbestände kommen dürfte. Die Relation der Bestände zum Verbrauch bleibt mit ca. 35 % allerdings auf dem zweithöchsten Wert seit 2001/02.
  • Wie bereits angedeutet, sieht die Betrachtung ohne China auch beim Weizen anders aus: China wird aufgrund einer sehr guten eigenen Ernte einen kräftigen Aufbau der Bestände verzeichnen, während im Rest der Welt mit einem Abbau um fast 20 Mio. t zu rechnen ist.
  • Deutlicher fällt die Verringerung der Lagerbestände auf dem Weltmarkt für Mais aus. Auch bei Mais wird die Welterzeugung insbesondere aufgrund hoher Ernten in China, Brasilien und Argentinien voraussichtlich über dem Vorjahr liegen. Allerdings steigt der Verbrauch noch stärker, so dass mit einem Bestandsabbau von 195 Mio. t auf ca. 160 Mio. t zu rechnen ist. Dies wäre das niedrigste Niveau der Lagerhaltung seit 2012/13. Mehr als die Hälfte dieses Abbaus wird dabei wohl auf China und die USA entfallen.
  • Eng bleibt der Weltmarkt für Gerste versorgt. Die Nachfrage wird das Angebot im dritten Jahr in Folge übersteigen, obwohl die Welterzeugung um etwa 5 Mio. t höher als im letzten Jahr ausfallen wird. Entsprechend kommt es zu einem weiteren Rückgang der Lagerbestände.

Die sich abzeichnende engere Versorgungssituation auf den Weltgetreidemärkten hat bereits zu einiger Bewegung bei den Notierungen an den Warenterminbörsen gesorgt. In den letzten Tagen wurde die Aufwärtsbewegung zusätzlich durch anhaltende Wetter- und Witterungsprobleme in wichtigen Anbauregionen unterstützt:

  • USA: Anhaltende Trockenheit lässt die Erträge bei Winterweizen weiter schrumpfen. Zudem ist die Aussaat des Sommerweizens aufgrund der Trockenheit verspätet, so dass einige Marktbeobachter mittlerweile mit einer kleineren als ursprünglich erwarteten Anbaufläche rechnen.
  • Kanada: Viele Regionen haben wenig Niederschlag über den Winter erhalten, so dass es zurzeit insgesamt trockener als im letzten Jahr ist.
  • Schwarzmeer-Region: Einerseits ist es zu kalt und nass in den östlichen Anbauregionen, so dass es dort zu deutlichen Verzögerungen bei der Aussaat des Sommergetreides gekommen ist (Aussaatfenster endet Anfang Juni). Zum anderen ist es in den westlichen Regionen zu trocken. Zudem hat, wie im April erwähnt, das Frühjahr spät begonnen. Sowohl in der Ukraine als auch in Russland und Kasachstan ist daher mit im Vergleich zum Vorjahr niedrigeren Ernten zu rechnen.
  • Australien: Insbesondere die wichtige Anbauregion Westaustralien leidet sehr unter Trockenheit. Regen ist dringend notwendig, um einen normalen Beginn der Aussaat zu ermöglichen.
  • EU: Es bleibt zu warm und zu trocken in weiten Teilen Norddeutschlands, Skandinaviens, dem Norden Polens und großen Teilen in Frankreich. Wesentlich besser als im letzten Jahr ist dagegen die Situation im Süden der EU, insbesondere in Spanien. Insgesamt ist in der EU nach heutigem Stand noch mit einer Ernte auf Vorjahresniveau (305 Mio. t) zu rechnen.

Die aktuelle Wettersituation deutet darauf hin, dass das USDA seine Schätzungen für die Weltgetreideernte 2018/19 in der nächsten Schätzung Mitte Juni reduzieren muss. Gleichzeitig wird die Preisvolatilität zunehmen. Und wahrscheinlich erscheint, dass der begonnene Preisaufschwung anhält. Neben dem Wetter werden aber wie immer eine Vielzahl anderer Faktoren die globalen Getreidemärkte beeinflussen: Ist der Handelskonflikt zwischen den USA und China wirklich gelöst? Welche Auswirkungen hat der deutliche Anstieg der Erdölpreise auf die Weltkonjunktur? Wird der US-Dollar weiter zulasten von Euro, Rubel, argentinischem Peso und brasilianischem Real an Wert gewinnen und damit tendenziell zu Druck auf die Notierungen an den Warenterminbörsen führen?

Trotz all dieser Unsicherheiten, die Zeiten sehr hoher und weiter steigender Lagerbestände scheinen erst einmal vorbei zu sein. Und damit deutet alles auf ein etwas höheres Preisniveau als in den letzten zwei, drei Jahren hin.

 

 

Weltmarkt für Getreide – Entwicklung von Angebot und Nachfrage (Mio. t)

Weltmarkt für Getreide – Entwicklung von Angebot und Nachfrage (Mio. t)

Quelle: USDA, Mai 2018