Wenn „Norbert“ und „Ingolf“ einfach nicht gehen wollen

29.08.2018 Anna-Katharina Graf

Blockierende Wetterlagen und wie sie entstehen…

Wenn im Frühjahr die ersten warmen Sonnenstrahlen ein Wiederaufleben der Natur ankündigen, ist die Freude groß über das langersehnte Ende der dunklen Wintermonate mit andauernden Kälteperioden, strengen Frostnächten und dem typischen „Schmuddelwetter“. Beständige Hochdruckgebiete, wie „Norbert“ im April oder „Ingolf“ im Juli diesen Jahres, die uns mit sommerlichen Temperaturen und langen Sonnenstunden verwöhnten, sind da eine willkommene Abwechslung – doch auch hier ist es wie mit lieben Gästen; es ist gut, wenn sie wissen, wann es Zeit ist zu gehen.

Das Frühjahr 2018, das zu Beginn noch eine deutlich winterliche Seite zeigte – mit einer am 02. März im mecklenburg-vorpommerischen Barth gemessenen Tiefsttemperatur von minus 19,2 Grad –, überraschte deutschlandweit mit einem ungewöhnlich warmen April und Mai. Rund 224 Sonnenstunden wurden bereits im April verzeichnet und überstiegen damit den Mittelwert der vergangenen 30 Jahre um ein gutes Drittel. Insgesamt war der diesjährige April der wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Ursache hierfür war das Hochdruckgebiet „Norbert“, das uns dauerhaft frühsommerliche Temperaturen von z.T. über 25 Grad bescherte.

Das Besondere einer solchen als Omega-Lage bezeichneten Wetterlage ist die Konstellation aus einem stabilen Hoch, das östlich und westlich von zwei Tiefdruckgebieten flankiert wird und welches die Strömungsbahn herannahender Tiefdruckgebiete über längere Zeit blockieren bzw. umlenken kann. Grafisch dargestellt beschreibt diese Wetterlage den griechischen Buchstaben „Omega“, von dem sie ihren Namen erhielt.

Die durch den Polarwirbel angetriebene übliche Westwindwetterlage, die durch einen kontinuierlichen Wechsel aus durchziehenden Hoch- und Tiefdruckgebieten gekennzeichnet ist, gerät bei dieser besonderen Konstellation aus den Fugen. Möglich wird dies durch eine zeitweilige Abschwächung des Polarwirbels, welche die Ausbildung großräumiger Tief- und Hochdruckgebiete begünstigt, die sich über einen Zeitraum von mehreren Tagen oder sogar Wochen nur geringfügig von der Stelle bewegen. Eine wesentliche Rolle spielt hierbei die entgegengesetzte Rotation der Druckgebiete, denn das großräumige, im Uhrzeigersinn rotierende Hoch der Omega-Lage und die in ihrer Rotation entgegenwirkenden Tiefdruckgebiete blockieren einander und sorgen dafür, dass jedes auf seiner Position „verharrt“.

Die Folge ist eine außergewöhnliche Beständigkeit der Witterung. Während im Bereich des Hochdruckgebietes über eine längere Phase hochsommerliche Temperaturen mit nur geringen oder gar ausbleibenden Niederschlägen vorherrschen, treten in den Randlagen, bedingt durch die Tiefdruckgebiete, wiederholt heftige Schauer und Unwetter bei entsprechend kälteren Temperaturen auf. Im Winter kehrt sich der Effekt der Omega-Lage um; im Bereich des Hochdruckgebietes kommt es dann zu ausgeprägt kalter Witterung und ergiebigen Regenfällen.

Zu den bekanntesten Beispielen für blockierende Wetterlagen zählt sicherlich das Hochdruckgebiet „Volker“, das sich pünktlich zur Weltmeisterschaft im Juni 2006 über Mitteleuropa aufbaute und Fußballfreunden aus aller Welt über Wochen hinweg ein wahres Sommermärchen schenkte.

Neben der Omega-Lage gibt es drei weniger bekannte Formen außergewöhnlich beständiger Wetterlagen: Die geteilte Strömung (engl. split flow), das abgeschlossene Höhentief (cut-off) und die Hoch-über-Tief-Blockade (rex block). Sie alle beruhen auf der ebengleichen Grundkonstellation eines einzelnen, bzw. im Falle des Rex block zweier, großräumiger stationärer Druckgebiete, die bewirken, dass andere Strömungen um das dominierende Druckgebiet umgeleitet werden (s. Schaubild).

Über Wochen andauernde Schönwetterphasen, die Sonnenhungrige jubeln lassen, haben jedoch auch ihre Schattenseiten – diese sind meist erst nach einiger Zeit, dafür jedoch mit zunehmender Wucht spürbar. Während die einen bei Höchstwerten von 38 °C und mehr Abkühlung in den überfüllten Freibädern suchen, leidet ein Großteil der Beschäftigten unter der körperlichen Belastung durch die erhöhte Sonneneinstrahlung und hohen Temperaturen. Dies gilt in besonderem Maße bei Tätigkeiten unter freiem Himmel und so ist es nicht verwunderlich, dass die Notaufnahmen in dieser Zeit nicht selten überlastet sind.

Die Hitze bringt darüber hinaus auch infrastrukturelle Probleme mit sich: Einschränkungen des Schiffverkehrs auf dem Rhein aufgrund des Niedrigwassers sowie die Sperrung des Flughafens Hannover nach einer hitzebedingten Schädigung der Start- und Landebahn am 24. Juli 2018 sind nur zwei Beispiele für den merklichen Einfluss des Extremwetters in diesem Sommer.

Am schlimmsten getroffen hat es jedoch diejenigen, die auf eine ausgeglichene Witterung besonders angewiesen sind: Die Landwirte hierzulande haben im Jahr 2018 Schäden in Milliardenhöhe zu beklagen. Das Niederschlagsdefizit und die daraus resultierenden Dürreschäden lassen in Deutschland Ertragseinbußen von rund 20% bei Getreide und 30% bei Raps erwarten; im Einzelfall kann diese Zahl kulturabhängig sogar bei 70% und mehr liegen – dies ist dann für die Betriebe nicht selten existenzbedrohend.

Eine Entwarnung, wenn es um das Thema „blockierende Wetterlagen“ und die daraus resultierenden Dürreschäden geht, gibt es leider nicht. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Extremwetterlagen in Zukunft sogar noch häufiger auftreten werden. Verhindern lässt sich diese Entwicklung nicht, sie verlangt vielmehr ein proaktives Vorgehen und ein funktionierendes Zusammenspiel aus Branchenvertretern, Politik und Versicherern. Denn nur wenn es gelingt, nachhaltige und finanzierbare Risikomanagement-Lösungen für das zunehmende Dürrerisiko zu erarbeiten, können wir einer Branche erfolgreich den Rücken stärken, von deren Wohlergehen wir letztlich alle abhängig sind.

Bildquellen:

Abbildung 1: Pexels@pixabay.com / Abbildung 2: Deutscher Wetterdienst (DWD) / Abbildung 3: Vereinigte Hagel – Bezirksdirektion Berlin