Aktuelle Entwicklungen auf den globalen Getreide- und Ölsaatenmärkten

12.03.2020 Dr. Klaus-Dieter Schumacher – AgriConsult, Seevetal

„Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt“ – so in etwa lässt sich die Stimmung auf den internationalen Getreide- und Ölsaatenmärkten zusammen fassen. Noch Mitte Januar waren gerade die Marktteilnehmer in der EU überwiegend optimistisch gestimmt, da weiterhin große Mengen an Weizen und Gerste in Drittländer der EU exportiert wurden. Entsprechend steuerten die Preise an der MATIF in Paris auf die Marke von 200 €/t zu (vorderer Termin), um dann gleichzeitig mit allen anderen Rohstoffpreisen am Montag dieser Woche drastisch zu fallen.

Die Ursachen für diesen Preisverfall sind bekannt: die befürchtete weitere Ausbreitung des Corona-Virus, die damit einhergehenden Angst vor einer anhaltenden Rezession der Weltwirtschaft und nicht zuletzt der völlig unerwartete Kollaps der Erdölpreise auf zwischenzeitlich unter 30 USD pro Fass. Mittlerweile haben sich die Börsenkurse wieder stabilisiert, der gestrige Schlusskurs für Weizen lag aber mit 177 €/t immer noch um mehr als 10 % unter dem bisherigen Hoch von 198,25 €/t am 21. Januar.

 

Wie geht es nun weiter?

Dies wird in erster Linie davon abhängen, wie stark der Nachfragerückgang aufgrund des Corona-Virus und eines geringeren oder eventuell sogar negativen Wirtschaftswachstums tatsächlich ausfallen wird. Viele Marktbeobachter hatten sich erhofft, dass der jüngste Bericht des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA), der am Dienstag, 10. März 2020, veröffentlicht wurde, hierauf eine Antwort geben würde. Dies ist nicht der Fall gewesen, auch das USDA tappt noch im Dunkeln und ist – verständlicherweise – unsicher, wie lang die Epidemie anhalten und wie stark ein Nachfragerückgang bei Agrarprodukten ausfallen könnte. Zudem kann niemand sagen, welche Länder in welchem Umfange Konjunkturprogramme auflegen werden. Zum jetzigen Zeitpunkt zeichnet sich bisher allerdings ein nur leichter Rückgang der Nachfrage nach Getreide und Ölsaaten ab. Dies trifft vor allem auf die am stärksten vom Corona-Virus betroffenen Länder in Asien, also auf China, Südkorea und Vietnam zu. In allen drei Ländern ist insbesondere die Nachfrage nach Futtergetreide rückläufig, eine Entwicklung, die auch noch im zweiten Quartal 2020 anhalten dürfte. Danach wird dann auch von vielen Marktanalysten wieder mit einer Zunahme der Nachfrage und vor allem der Einfuhren gerechnet. In China sollen ab Mitte des Jahres die durch die afrikanische Schweinepest um ca. 40 % dezimierten Schweinebestände wieder deutlich steigen und für Mehrnachfrage nach Futtergetreide sorgen. Profitieren dürften davon in erster Linie die USA, da sich China im neuen Handelsabkommen mit den USA verpflichtet hat, seine Einfuhren von Mais und Sorghum sowie auch von Weizen im Laufe des Jahres deutlich zu steigern.

 

Märkte bleiben gut versorgt bis zum Ende des Wirtschaftsjahres 2019/20

In den nächsten Wochen werden die Märkte also mit vielen Unsicherheitsfaktoren zu leben haben. Neben dem Corona-Virus und der Entwicklung der Erdölpreise gilt dies auch für den Handelskonflikt zwischen den USA und China. Viele Einzelheiten sind unverändert unbekannt bzw. unklar, so dass aktuell niemand genau weiß, wie hoch die zusätzlichen Exporte der USA nach China ausfallen werden. Tendenziell werden die Notierungen an der Warenterminbörse aber durch diese zusätzlichen Ausfuhren steigen.

Insgesamt bleiben die Getreide- und Ölsaatenmärkte gut versorgt und werden mit relativ hohen Beständen in das neue Wirtschaftsjahr 2020/21 gehen. Das gute EU-Exportgeschäft bei Weizen und Gerste dürfte weiter anhalten. Bis zum 8. März wurden bereits über 21 Mio. t Weizen und 5 Mio. t Gerste für den Export in Drittländer der EU registriert, 70 % bzw. 60 % über den Mengen des Vorjahreszeitraumes. Für das gesamte Wirtschaftsjahr 2019/20 geht die EU-Kommission davon aus, dass rund 28 (Vorjahr 22,4) Mio. t Weizen (einschließlich Mehl) und 11 (7,9) Mio. t Gerste (einschließlich Malz) ausgeführt werden – ein im Vergleich zu den letzten Jahren exzellentes Ergebnis. Die EU profitiert unverändert davon, dass Australien aufgrund der eigenen sehr schlechten Ernten vor allem nach China, Indonesien und auch Vietnam deutlich weniger exportieren kann. Hinzu kommt, dass die Konkurrenz aus Russland in der ersten Hälfte des Wirtschaftsjahres nicht so erdrückend war wie in den Vorjahren. Ob dies allerdings so bleibt, ist fraglich. Marktbeobachter in Russland gehen davon aus, dass das Land bis Ende Juni noch bis zu 15 Mio. t Weizen exportieren kann. Die Ausfuhren im gesamten Wirtschaftsjahr 2019/20 würden dann wie im Vorjahr rund 35 Mio. t erreichen – aus heutiger Sicht eine sehr optimistische Prognose.

 

Ein erster Ausblick auf das neue Wirtschaftsjahr 2020/21

Wie schon erwähnt, werden die Märkte gut bevorratet in die neue Saison gehen. Lediglich in der EU werden die großen Exporte dafür sorgen, dass die Bestände relativ niedrig sein werden. Damit rücken die Ernten 2020/21 in den Fokus. Aus heutiger Sicht sind die Aussichten für 2020/21 als mindestens durchschnittlich, eher als gut zu bewerten. Weltweit wurde mehr Winterweizen ausgesät, insbesondere in Russland und der Ukraine. Auch für Australien wird nach den guten Niederschlägen der letzten Wochen mit einer starken Erhöhung der Anbaufläche gerechnet, so dass die Weltweizenerzeugung 2020/21 bei normalem Witterungsverlauf höher als im letzten Jahr ausfallen sollte. In der EU ist dagegen mit einer kleineren Ernte zu rechnen, da die schlechten Aussaatbedingungen im Herbst alleine in Frankreich einen Anbauflächenrückgang um rund 5 % nach sich gezogen haben. In den USA sollen sowohl der Anbau von Mais als auch der von Sojabohnen in diesem Frühjahr (Aussaat beginnt Ende März/Anfang April) zunehmen, so dass auch hier mit größeren Ernten zu rechnen ist. Bestätigt wurden in den letzten Tagen die guten Aussichten für die Sojabohnenernten in Südamerika: Brasilien soll 126 Mio. t (plus 9 Mio. t) ernten und Argentinien wie im Vorjahr ca.
55 Mio. t. All diese Zahlen sind zu diesem sehr frühen Zeitpunkt natürlich noch mit großer Vorsicht zu bewerten. Insbesondere Kahlfröste und daraus folgende starke Auswinterungsverluste können das Bild in den nächsten Wochen ebenso wie Aussaatverzögerungen bei Mais und Soja in Nordamerika noch vollkommen verändern. Der größte Unsicherheitsfaktor für die nächsten Wochen bleibt allerdings wie eingangs erwähnt der weitere Verlauf der Corona-Epidemie.